Die Mail mit den Zugangsdaten ist vor drei Tagen gekommen, und du hast sie weggewischt. Nicht aus Desinteresse. Es war Spätdienst, und danach liest du keine Mails mehr, in denen das Wort Portal vorkommt.
Seitdem kommt das Thema immer wieder auf. Punkte fürs Einspringen, Punkte für eine gute Bewertung, fünfzehn Punkte, wenn du jemanden mitbringst. Am Ende sollen Prämien dabei herauskommen: freie Tage, Gutscheine, Geld.
Bevor du dich anmeldest, lohnt sich eine Frage. Ist das mehr als ein Danke mit Punktekonto?
Und noch etwas gleich vorweg, damit niemand umsonst weiterliest: Das System gilt nur für examinierte Pflegefachkräfte. Wer als Pflegehilfskraft arbeitet, sammelt keine Punkte.
Wie es läuft
Vier Schritte, mehr ist es nicht. Du meldest dich im Mitarbeiterportal an, mit den Zugangsdaten aus der Mail. Dort hakst du an, welche Aufgaben du übernehmen willst; zur Auswahl stehen über fünfzehn verschiedene. Was du davon tust, soll dir das Portal automatisch gutschreiben, ohne Formular und ohne Antrag. Und wenn genug zusammen ist, löst du dein Guthaben gegen eine Prämie ein.
Ob das im Alltag ohne Nachhaken läuft, wird sich zeigen. Wer schon einmal wochenlang auf einen Freizeitausgleich gewartet hat, ist an dieser Stelle zu Recht skeptisch. Frag im Zweifel nach, wer ein Einspringen oder eine Bewertung eigentlich meldet.
Wofür es Punkte gibt
Drei Aufgaben haben wir öffentlich genannt: zwei Punkte, wenn ein Kundenbetrieb dich gut bewertet, drei Punkte fürs spontane Einspringen, fünfzehn Punkte dafür, dass du jemanden ins Team holst. Was ein einzelner Punkt am Ende wert ist, haben wir nicht veröffentlicht. Die Zahlen sagen also zunächst nur etwas über das Verhältnis zueinander.
Diese Verteilung sagt mehr über uns als über dich. Eine Empfehlung bringt fünfmal so viel wie eine Schicht, für die du deinen freien Tag hergibst. Das ist keine Kritik an dir, sondern die Rechnung dahinter: Wer dringend Personal sucht, bezahlt das Finden höher als das Einspringen. Nützlich zu wissen, bevor du entscheidest, wo du dich anstrengst.
Die übrigen Aufgaben haben wir nicht veröffentlicht. Welche es sind und was sie bringen, siehst du nach der Anmeldung.
Was du dafür bekommst
Drei Prämienarten stehen zur Wahl: freie Tage, Geld oder Gutscheine.
Aufschlussreich ist, wofür sich Kolleginnen und Kollegen entschieden haben, als wir danach gefragt haben. Freie Tage liegen vorn, Geld folgt knapp dahinter, Gutscheine landen auf dem letzten Platz. Das war eine Umfrage in unserem eigenen Kanal und keine repräsentative Erhebung; eine Stimmenzahl nennen wir bewusst nicht. Die Reihenfolge deckt sich aber mit dem, was Pflegekräfte seit Jahren sagen: Zeit ist knapper geworden als Geld.
Bei den freien Tagen lohnt ein zweiter Blick. Einen Prämientag musst du dir verdienen. Ein Dienstplan, auf den Verlass ist, sollte dagegen selbstverständlich sein und nichts kosten. Warum bei uns frei auch frei bleibt, steht in
einem eigenen Beitrag. Ein Bonussystem ersetzt keine verlässliche Planung, es kommt zu ihr hinzu.
Wie viele Punkte eine Prämie kostet, haben wir nicht veröffentlicht. Das ist die erste Frage, die du klären solltest, denn ohne diese Umrechnung ist ein Punktestand nur eine Zahl.
Was davon am Ende ankommt
Jetzt der Teil, der über den Wert einer Prämie entscheidet. Welche Form deine Prämie hat, wählst du beim Einlösen. Was die drei Formen steuerlich bedeuten, steht schon jetzt fest, und der Unterschied ist erheblich.
Geld ist ganz normaler Bruttolohn. Steuern und Sozialabgaben gehen davon ab wie von jeder anderen Zahlung auch. Aus hundert Euro Prämie werden je nach Steuerklasse deutlich weniger auf dem Konto. Wer die Formulierung Extra-Geld liest und dabei an netto denkt, rechnet zu großzügig.
Gutscheine können steuerfrei bleiben, bis zu 50 Euro im Kalendermonat (§ 8 Absatz 2 Satz 11 EStG). Drei Dinge daran werden regelmäßig übersehen.
Erstens gilt die Grenze für
alle Sachbezüge zusammen und nicht nur für den Gutschein aus dem Bonussystem. Ein Sachbezug ist alles, was du statt Geld als Sachleistung bekommst. Wer ohnehin schon etwas in dieser Art erhält, hat seine Grenze zum Teil schon verbraucht. Frag nach, was bei dir mitzählt, bevor du planst.
Zweitens ist es eine Freigrenze und kein Freibetrag: ein Euro darüber, und der komplette Monatsbetrag wird steuerpflichtig, nicht nur der überschießende Teil.
Drittens lässt sich die Grenze nicht ansparen. Sie gilt je Kalendermonat, und was du in einem Monat nicht ausschöpfst, ist weg. Wer ein halbes Jahr sammelt und alles auf einmal in einen großen Gutschein tauscht, versteuert ihn komplett. Wer stattdessen jeden Monat einen kleinen einlöst, bleibt unter der Grenze.
Freie Tage lösen keine zusätzliche Steuer aus. Dein Lohn läuft weiter, und es kommt nichts obendrauf, das versteuert werden müsste. Die wichtigere Frage ist hier eine andere: ob der Prämientag zusätzlich gewährt wird oder gegen dein Arbeitszeitkonto läuft. Das entscheidet darüber, ob es überhaupt eine Prämie ist oder nur früher genommene eigene Zeit. Wie ein Arbeitszeitkonto funktioniert und wer darüber verfügen darf, steht in
Teil 2 unserer Lohnabrechnungs-Reihe.
Wie solche Beträge später auf deiner Abrechnung erscheinen, kannst du in
Teil 1 nachlesen.
Was Punkte nicht können
Ein Bonussystem ist ein Zusatz. Drei Dinge kann es nicht.
Es ersetzt keinen Stundenlohn. Punkte kommen zusätzlich zur Vergütung oder gar nicht. Ist der Grundlohn zu niedrig, gleicht ihn auch die beste Prämie nicht aus. Was bei Gehaltsversprechen realistisch ist und was nicht, haben wir
an anderer Stelle durchgerechnet.
Es kauft deine Freizeit nicht. Hier gehen zwei Dinge oft durcheinander, die getrennt gehören.
Wenn du kommst, gilt die Ruhezeit. Nach § 5 des Arbeitszeitgesetzes stehen dir zwischen zwei Schichten elf Stunden zu; in Pflege und Krankenhaus dürfen es zehn sein, wenn die fehlende Stunde an anderer Stelle ausgeglichen wird. Diese Grenze ist nicht verhandelbar, und keine Prämie ändert etwas daran.
Die andere Frage ist, ob du an deinem freien Tag überhaupt ans Telefon musst. Ein Landesarbeitsgericht hat 2022 entschieden, dass Beschäftigte dienstliche Nachrichten in ihrer Freizeit nicht lesen müssen (LAG Schleswig-Holstein, 1 Sa 39 öD/22). Höchstrichterlich geklärt ist das nicht, und andere Gerichte beurteilen Einzelfälle anders. Sicher ist aber das Einfachste: Drei Punkte sind ein Angebot, und ein Angebot darfst du ausschlagen. Auch dann, wenn du „Einspringen“ im Portal angehakt hast. Das Häkchen sagt, wofür du Punkte bekommen möchtest, es ist keine Zusage für den nächsten Anruf.
Es macht nicht alles messbar. Zwei Punkte gibt es, wenn ein Kundenbetrieb dich gut bewertet. Ob das gelingt, hängt auch daran, ob dich an diesem Tag jemand eingearbeitet hat und ob die Station überhaupt zu schaffen war. Ein Punktekonto bildet das nicht ab. Nimm eine ausbleibende Bewertung deshalb nicht als Urteil über deine Arbeit.
Und was wir davon haben
Ein Bonussystem ist kein Geschenk, sondern ein Werkzeug. Es soll Einsätze besetzt halten und neue Kolleginnen und Kollegen bringen. Die fünfzehn Punkte für eine Empfehlung zeigen das deutlicher als jeder Satz, den wir dazu schreiben könnten.
Das macht das System nicht schlechter. Ein Anreiz, von dem beide Seiten etwas haben, ist ein guter Anreiz. Schlecht wird er erst, wenn du hinterher merkst, wofür er gedacht war, und es vorher niemand gesagt hat.
Was du tun kannst
Fünf Fragen, die sich vor der ersten Anmeldung klären lassen. Stell sie deiner Ansprechpartnerin oder deinem Ansprechpartner.
- Wie viele Punkte kostet welche Prämie? Ohne diese Umrechnung lässt sich nicht beurteilen, ob sich eine Aufgabe für dich lohnt.
- In welcher Form wird ausgezahlt? Geld, Gutschein oder freie Tage machen beim Netto einen erheblichen Unterschied.
- Woher weiß das Portal, was du getan hast? Wer meldet ein Einspringen oder eine gute Bewertung, und was passiert, wenn es niemand meldet.
- Verfallen Punkte, und wenn ja, wann? Ein Guthaben mit Ablaufdatum erzeugt Druck, den du vorher kennen solltest.
- Was geschieht mit deinem Punktestand, wenn du gehst? Gesammelt ist nicht dasselbe wie ausgezahlt.
Wer noch gar nicht im Team ist und zuerst wissen will, ob sich Zeitarbeit überhaupt lohnt, findet in
unserem Beitrag über Erfahrung in der Zeitarbeit den nüchterneren Blick darauf.
Worauf es hinausläuft
Melde dich an und sieh es dir an. Anmelden heißt noch nicht mitmachen: Du kannst dich einloggen, dir die Aufgaben ansehen und danach entscheiden, ob du ein Häkchen setzt. An deinem Vertrag und deinem Dienstplan ändert das nichts, und niemand zählt mit, wer sich nicht anmeldet.
Was du dort nicht findest, frag nach, bevor du anfängst zu sammeln. Die fünf Fragen oben sind vorher mehr wert als jeder Punktestand.
Dieser Beitrag erklärt die allgemeine Rechtslage und ersetzt keine Beratung im Einzelfall. Wie eine konkrete Prämie steuerlich zu behandeln ist, beantworten eine Steuerberatung oder ein Lohnsteuerhilfeverein.