Als Pflegefachkraft in Berlin bekommst du Angebote von Zeitarbeitsfirmen wie Sand am Meer. Auf LinkedIn, per WhatsApp, manchmal drückt dir jemand im Pausenraum einen Flyer in die Hand.
Die schwierige Frage ist aber nicht, welche Firma am lautesten wirbt. Sie lautet: Passt dieses Modell überhaupt zu dir? Und wie findest du das heraus, bevor du deinen sicheren Job aufgibst?
Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss. Johannes ist seit über 35 Jahren in der Pflege, seit mehr als zehn Jahren in der Zeitarbeit und seit acht Jahren bei uns. Er hat die Branche in fast allen Zuständen erlebt, die sie hatte.
„Unter zwei Jahren würde ich es niemandem empfehlen“
Sein erster Rat ist eine Absage.
„Ein bisschen Erfahrung sollte man mitbringen. Unter zwei Jahren praktische Erfahrung würde ich keinem empfehlen, in die Zeitarbeit zu gehen, weil man sonst immer wieder auf Situationen trifft, wo man verzweifelt.“
Das ist der Punkt, an dem sich Zeitarbeit von einer normalen Stelle unterscheidet. Als externe Kraft kommst du in ein Haus, dessen Abläufe du nicht kennst, dessen Team du nicht kennst und in dem du das Material nicht findest. Trotzdem wird ab der ersten Stunde erwartet, dass du fachlich sicher bist.
Wenn du frisch aus der Ausbildung kommst: warte. Zwei Jahre auf einer Station sind keine verlorene Zeit, sondern genau das Kapital, von dem du in der Zeitarbeit später lebst. Wie viel sich davon in kurzer Zeit sammeln lässt, haben wir
an anderer Stelle beschrieben.
Frag die, die es schon machen
„Es gibt heutzutage in allen Häusern, in allen Bereichen genügend Leute, die in der Zeitarbeit sind. Mit denen ins Gespräch kommen und fragen: Was machst du, wo bist du, wie zufrieden bist du mit deiner Firma?“
Das ist der billigste Rechercheweg, den es gibt, und gleichzeitig der ehrlichste. Eine Kollegin, die neben dir Spätdienst macht, hat keinen Grund, dir etwas zu verkaufen.
Drei Fragen bringen dabei mehr als zehn:
- Wie schnell erreichst du jemanden, wenn im Einsatz etwas schiefgeht?
- Wie oft wurde dein Dienstplan kurzfristig geändert?
- Kam die Abrechnung bisher pünktlich, und stimmte sie?
Die Antworten darauf sagen mehr über eine Firma aus als jede Broschüre.
Worauf du bei der Firma achten solltest
Größe und Bestandsdauer
Johannes rät zur kleineren Firma und dazu, vorher zwei Dinge nachzuschlagen: Wie lange gibt es sie schon, und wie viele Mitarbeiter hat sie? Beides findest du heute im Netz.
Die Bestandsdauer ist dabei der härtere Indikator. Eine Firma, die zehn Jahre am Markt ist, hat mindestens eine Krise überstanden. Eine, die es seit anderthalb Jahren gibt, hat das noch vor sich, und du wärst dabei.
Das persönliche Gespräch
Für Johannes ist das der entscheidende Punkt, und er hat dafür ein konkretes Erlebnis.
„Ich habe das bei meiner allerersten Bewerbung bei einer Zeitarbeitsfirma erlebt, wo ich auf eine ziemlich rüde Art und Weise abgefertigt wurde. Da habe ich gesagt: schönen Dank, das war es dann. Da brauche ich nicht noch mal aufzuschlagen.“
Bei der nächsten Firma war es anders, und dort ist er geblieben.
Das klingt nach Bauchgefühl, ist aber eine belastbare Information. Wie du im Bewerbungsgespräch behandelt wirst, ist die Vorschau darauf, wie du behandelt wirst, wenn du im Einsatz ein Problem hast. In diesem Gespräch zeigt sich eine Firma von ihrer besten Seite. Wenn schon die rüde ist, wird es später nicht besser.
„Bin ich der Arbeitsfamilientyp?“
Diesen Begriff hat Johannes selbst geprägt, und er trifft die Sache genau.
Manche Menschen brauchen ein festes Team, in dem man die Macken der anderen kennt und sich gegenseitig auffängt. Für die ist Zeitarbeit anstrengend, weil sie immer wieder die Neue sind. Andere ziehen Energie daraus, alle paar Monate ein anderes Haus zu sehen. Für die passt das Modell.
Der Rest der Selbsteinschätzung, wie er im Gespräch zusammengefasst wurde: ein klarer Blick auf die eigenen fachlichen Möglichkeiten, der Wille, sich weiterzuentwickeln, und die Freude an einer gewissen Freiheit und Unabhängigkeit. Was diese Freiheit im Dienstplan konkret bedeutet, steht
in einem eigenen Beitrag.
Der eigentliche Trick: ausprobieren, ohne zu kündigen
Jetzt kommt der beste Rat aus dem Gespräch.
„Wenn man fest in einem Krankenhaus arbeitet und sich nicht sicher ist, ob man mit der Zeitarbeit klarkommt: Geht runter auf 75 Prozent und nehmt diese 25 Prozent, geht zu einer Firma und sagt, ich möchte es gerne mal ausprobieren.“
Du behältst deine Stelle, dein Team und deine Sicherheit und lernst nebenbei kennen, wie andere Häuser arbeiten. Dazu Johannes zum Schluss: „Sucht euch eine gute Firma. Lasst euch Zeit dabei. Ihr müsst nichts überstürzen. Niemand muss sofort kündigen.“
Das ist ein guter Rat. Er hat aber vier Haken, die im Video nicht vorkommen. Und weil über der Sache „ohne Risiko“ steht, gehören sie hierher.
Was du vorher klären solltest
Der Rückweg ist nicht automatisch offen
Das ist der wichtigste Punkt. Wer seine Arbeitszeit nach
§ 8 Teilzeit- und Befristungsgesetz verringert, tut das
dauerhaft. Einen Anspruch, später wieder auf Vollzeit aufzustocken, gibt es nicht. § 9 gibt dir lediglich eine bevorzugte Berücksichtigung, wenn eine passende Stelle frei wird.
Im Klartext: Du kannst auf 75 Prozent gehen und danach feststellen, dass dein Haus dich nicht mehr auf 100 zurücklässt.
Die Lösung heißt
Brückenteilzeit nach § 9a TzBfG. Dabei verringerst du
befristet, für mindestens ein und höchstens fünf Jahre, und kehrst danach automatisch zu deiner alten Arbeitszeit zurück, ohne neuen Antrag. Voraussetzung: Du bist länger als sechs Monate dort beschäftigt, und dein Arbeitgeber hat in der Regel mehr als 45 Beschäftigte. In Berliner Kliniken ist das praktisch immer erfüllt, bei einem kleinen Pflegedienst nicht.
Der Haken daran: Ein Jahr ist die Untergrenze. Zum kurzen Reinschnuppern taugt die Brückenteilzeit nicht.
Frag also nicht einfach nach Teilzeit. Frag ausdrücklich nach Brückenteilzeit.
Was am Ende netto ankommt
Ein zweites Arbeitsverhältnis wird in
Steuerklasse VI abgerechnet, sobald du dort mehr als 520 Euro verdienst. In dieser Klasse gibt es keine Freibeträge, die Abzüge sind entsprechend hoch.
Rechne also nicht damit, dass 25 Prozent Zeitarbeit auch 25 Prozent mehr auf dem Konto bedeuten. Über die Steuererklärung holst du dir einen Teil zurück, aber erst im Folgejahr. Wer das nicht weiß, erlebt die erste Abrechnung als Enttäuschung, obwohl alles korrekt gerechnet ist. Wie sich Zeitarbeit sonst aufs Gehalt auswirkt, steht
in unserem Beitrag zum Verdienst.
Deine Stunden werden zusammengerechnet
Nach § 2 Arbeitszeitgesetz zählen die Arbeitszeiten bei allen Arbeitgebern zusammen. Die Höchstgrenzen gelten nicht je Job, sondern für dich insgesamt. Dasselbe gilt für die Ruhezeit zwischen zwei Diensten.
Praktisch heißt das: Spätdienst im einen Haus und am nächsten Morgen Frühdienst im anderen geht nicht, egal wie gut es in beide Dienstpläne passen würde.
Sag deinem Arbeitgeber Bescheid
Die meisten Arbeitsverträge enthalten eine Klausel zur Nebentätigkeit. Meistens musst du sie anzeigen, manchmal genehmigen lassen. Pauschal verbieten darf dein Arbeitgeber sie nicht. Aber wenn du sie verschweigst, gibst du ihm ein Argument, das er sonst nicht hätte.
Schau vor dem ersten Gespräch in deinen Vertrag. Der Absatz steht meist unter „Nebentätigkeit“ oder „Sonstige Pflichten“.
Die Probezeit gibt es auch hier
„In der Probezeit muss man sich angucken, ob das so klappt, wie man sich das vorstellt.“
Das gilt in beide Richtungen und wird oft vergessen. Die Probezeit ist keine Prüfung, die du bestehen musst, sondern auch dein Zeitfenster, um zu entscheiden. Nutz sie zum Fragen, nicht nur zum Funktionieren.
Was wir dazu sagen müssen
Zwei Dinge gehören hierher, auch wenn sie unbequem sind.
Johannes empfiehlt eine kleinere Firma, und wir sind eine kleinere Firma. Er arbeitet seit acht Jahren bei uns und hat das in unserem Video gesagt. Das macht seine Erfahrung nicht falsch, aber es macht ihn auch nicht zum neutralen Zeugen. Du solltest das wissen, wenn du seinen Rat gewichtest, und ihn an anderen prüfen, die nicht bei uns arbeiten. Genau dazu rät er ja selbst.
Und: Was hier zu Teilzeit, Steuerklassen und Arbeitszeit steht, ist allgemeine Information. Ob Brückenteilzeit in deinem Betrieb möglich ist und was deine konkrete Steuerlast wäre, klärst du mit deiner Personalabteilung, einem Fachanwalt für Arbeitsrecht oder einem Lohnsteuerhilfeverein. Wir sind Personaldienstleister, keine Kanzlei und keine Steuerberatung.
Wenn du es ausprobieren willst
Das Beste an diesem Rat ist der Teil, der nichts kostet: Du musst dich nicht entscheiden, bevor du es kennst.
Sprich mit Kollegen, die es machen. Schau dir zwei oder drei Firmen an. Achte darauf, wie man mit dir redet, bevor du unterschreibst. Und wenn du reduzieren willst, frag nach Brückenteilzeit statt nach Teilzeit.
Wenn du darüber sprechen möchtest, melde dich einfach. Unverbindlich, ohne Unterlagen, und ohne dass danach etwas passiert, was du nicht willst.